
Ein Club in Mumbai, The Blue Frog, irgendwann in den 2000ern. Auf der Bühne steht Andreas Fränzl mit seiner Band Bauchklang – reine Stimme, keine Instrumente, keinVocoder. Sie haben Angst, dass das hier zu simpel wirkt, viel zu simpel für ein Land mit dieser rhythmischen Tradition. Dann taucht plötzlich Zakir Hussain auf, einer der größten Tabla-Musiker der Welt, hat gehört, dass da Europäer nur mit ihrer Stimme Klangräume bauen – und steigt einfach mit ein. Keine Ansage, keine Verhandlung.„Die Stimme bricht sofort jede Barriere und schafft eine universelle Nähe“, sagt Andi heute darüber.
Am Samstag steht er zum ersten Mal an den Decks im rhiz – unter dem Namen DJ Lichtfels, mit einer Tasche voll Vinyl neben Laptop und Sticks. Ausgerechnet er warnoch nie als Aktiver hier, obwohl der Gürtel Nightwalk so alt ist wie das rhiz selbst, Gründungsgeneration aus dem vorigen Jahrtausend, genau wie Chelsea und B72.
Die Nadel und der Kontrollverlust
der Tanzfläche steht, und lasse das auf mich einwirken.“ Geradliniger Techno, dann
eine Abzweigung zu einer Lieblingsperle, dann zurück – so wie er selbst aufgelegt
ist, legt er auch auf. Was bleibt, ist die Tasche mit dem Vinyl, die er trotz Laptop und
USB-Sticks nie zu Hause lässt. „Ich brauche das Haptische.“ Über Stunden nur mit
CDJs zu hantieren, sagt er, sei nicht dasselbe.
Das Gespür für den Raum hat er sich nicht nur hinter den Decks geholt. Fast zwei
Jahrzehnte war er mit der A-cappella-Formation „Bauchklang“ unterwegs – von
Human Beatbox bis zu den Instrumenten, alles aus dem eigenen Körper
herausgeholt. Live eine enorme Wucht, nur mit Stimme gebaute Klangräume – und
trotzdem nie ganz einfangbar auf einer Aufnahme. „Sobald ein technisches Gerät
dazwischengeschaltet ist, wird die Taktung starr und die Energie schwächer.“ Kein
Vocoder, keine frequenzverändernden Effekte, nur Hall und Delay. 2013 das
Abschiedskonzert, danach nur noch vereinzelt 2016, 2017, 2018 bis 2019.
Verwaltetes Prekariat

LAMES mitaufgebaut (mittlerweile: „Solektiv“) einen Verein und ein Kreativ-Biotop,
das Kunst und Ökologie im „Sonnenpark“ auf einzigartige Weise miteinander
verbindet. Studiert hat Andi an Der Angewandten. Im Gegensatz zum künstlerischen
Weg sind viele seiner Mitstudierenden später Art Direktor:innen in Werbeagenturen
geworden.
„Ihre besten Jahre, ihre gesamte Kreativität schenkten meine ehemaligen
Studienkolleg:innen einfach den Agenturen-im Grunde der Wirtschaft! Das fand ich
immer sehr schade weil dadurch viel kreatives Potential für wichtigere
gesellschaftlichere Bereiche verloren gegangen ist! Und nach 10 oder 15 Jahren
kriegen dann viele die Krise, fangen plötzlich wieder an zu zeichnen und versuchen
eine gewisse Sinnkrise abzufangen . Aber dass diese Dynamik in unserer
Gesellschaft überhaupt nicht hinterfragt wird, verstehe ich bis heute nicht.“ Wir
brauchen mehr Kreative, Expert:innen, Kommunikationprofis in der freien Szene für
gesellschaftlich brennende Themen! Gerade jetzt wo´s um viel sehr geht!
Bei der Frage nach engagierter Kunst, die wir heute so dringend brauchen denkt er
an eine tschechische Grafikmappe zur Charta 77 – siebzig Künstler:innen, die im
Verborgenen gearbeitet haben, echter Widerstand, nicht nur eine Haltung.
Spielplätze statt Kopfhörer
Die Kunstszene habe das Thema Ökologie und Klimaschutz die letzten 15 Jahre fast
komplett verschlafen, findet er. Wo war der laute Support der Kunstuniversitäten für
Fridays for Future? „Wir verwalten heute oft nur noch das eigene Prekariat, anstatt
mit unserer Kunst wirklich gesellschaftlich etwas zu riskieren.“ Und dann, seit
Corona, noch das: der Rückzug in die eigenen vier Wände, verbarrikadiert hinter den
eigenen Bluetooth-Kopfhörern.
Umso wichtiger wär’s jetzt, wieder mehr „reale“ Räume zu öffnen – neben dem
Digitalen! Die Lethargie ein Stück weit hinter uns lassen, miteinander Ideen spinnen,
Erfahrungen teilen und (wirklich) neue Verbindungen schaffen – für die gemeinsame
Sache! Es braucht mehr Begegnung zwischen den Generationen, Szenen und
Disziplinen. Wissen und Erfahrung sind da – genauso wie frische Energie, neue
Perspektiven und Lust auf Veränderung. Man muss die verschiedenen Felder nur
noch besser zusammenbringen.
Der Gürtel Nightwalk wird jedes Jahr von Bezirkspolitiker:innen eröffnet – das war
schon immer mehr als eine Formalie. Straße als öffentlicher Raum, den man sich für
einen Abend zurückholt, das steckt von Anfang an in der Idee, und das rhiz hat diese
Tradition mitbegründet, genau wie Chelsea und B72. Im Publikum trifft sich seitdem,
wer sich noch erinnert, wie das vor 2020 selbstverständlich war, mit denen, die es
gerade erst zum ersten Mal erleben.
Was sich im rhiz an diesem Abend abspielt, zeigt, wie das gemeint ist: von Demetra,
Original 2026, zu Fränzl, Original seit den Anfängen – ein Stilwechsel quer durch den
Abend, der zum Motto „Vielfalt“ passt, aber nicht aus einem Marketingkonzept
kommt, das Zielgruppen fischt. Glatt ist das nicht, und das ist der Punkt. rhiz ist real.

Gürtel Nightwalk, 29.08.2026 ab ca 23:30 an den Decks Club-Afterparty mit DJ Lichtfels
(Vinyl & Sticks). Eintritt frei!

