
Wer am 1. Mai am Wiener Ring unterwegs ist, erwartet das Übliche: Marschmusik, rote Fahnen und Kapellen, die oft aus dem Umland „herangekarrt“ werden. Doch zwischen den traditionellen Formationen blitzt seit 2007 etwas anderes auf. Da steht eine Truppe, die nicht ganz ins Bild der klassischen Landkapelle passt. Es ist die MusikarbeiterInnenkapelle (MAK) – ein rund 45-köpfiges Kollektiv, das Blasmusik nicht als konservatives Brauchtum, sondern als progressives, subkulturelles Werkzeug versteht.
Wir haben uns mit Stefan Schauer und Petra Sturm zusammengesetzt, um über die subversive Kraft der Posaune, die Fehlertoleranz im Kollektiv und die Frage zu sprechen, warum man für eine „blöde Idee“ um sieben Uhr morgens aufsteht.
Die Geburtsstunde einer „blöden Idee“
Alles begann nicht mit einem Masterplan, sondern mit einem absurden Kontrast. Stefan erinnert sich an die Maiaufmärsche am Land: Vorne marschiert die Kapelle, die zu 99 % aus ÖVP-Wähler*innen besteht, und dahinter die Sozialdemokraten. Gemeinsam mit Wolfgang Kopper von der SPÖ Ottakring entstand die Idee: Warum nicht eine Kapelle gründen, die mit dem Gedankengut vom 1. Mai auch wirklich etwas anfangen kann?
Stefan, wie wurde aus diesem Gedanken Realität? Stefan: Im März 2007 wollte ich die Idee verwerfen aber von der SPÖ Ottakring hieß es: „Einer Kapelle wurde schon abgesagt. Du musst das jetzt durchziehen.“ Ich habe dann Leute gesucht, von denen ich wusste, dass sie ein Instrument spielen oder einen Background am Land haben. Zwei Tage vor der ersten Probe habe ich mir selber auch eine Posaune „gecheckt“, weil ich zehn Jahre nicht mehr gespielt hatte. Das erste Notenlesen vom Blatt war extrem peinlich. Aber die Idee war simpel: Am 1. Mai mit einer Kapelle marschieren, die einfach keine ÖVP-Kapelle ist. Fertig.
„Wenn man vom Land kommt, ist man es gewohnt, dass von allein gar nichts passiert. Wenn man etwas ändern will, muss man es selber machen.“
Das Dorf in die Stadt holen – ohne die Bürden
Für Petra war die MAK auch mehr als ein politisches Statement. Es ist eine Form der kulturellen Selbstermächtigung. Viele Musikarbeiter*innen sind in ländlichen Strukturen mit Schützenfesten, Bierzelten und Fronleichnamsprozessionen sozialisiert worden – ein Umfeld, das sich politisch für sie dann oft bald „nicht ganz ausging“.
Petra, was bedeutet es für dich, Blasmusik in den urbanen Raum zu bringen? Petra: Es war/ist für mich die Möglichkeit, das „Dorf in die Stadt zu holen“. Ich glaube, viele von uns wollten diese Gemeinschaft und Solidarität, wie sie in den Vereinen am Land lebt, aber ohne die konservativen Bürden oder Traditionen. Ein Blasinstrument ist einfach mächtig. Wenn wir etwa bei einem Event wie der Radparade die ganze Kapelle auf Lastenräder bringen oder sonst wo im öffentlichen Raum auftreten, spürt man diese Kraft der Aneignung besonders.
In den frühen Jahren (2007–2010) war die MAK Pionierin darin, Eurotrash-Hits, Techno-Covers oder Bands wie Blur in Blasmusik-Arrangements zu übersetzen. Heute hat mittlerweile zwar jede Landkapelle Rock-Songs im Programm, aber bei der MAK geht es um mehr: Es ist die Umwertung einer Form, die sonst oft im „rechten Eck“ klebt.
Gelebte Solidarität: Das Prinzip der Fehlertoleranz
In einer Welt, die auf Leistung und Perfektion getrimmt ist, setzt die MAK auf ein integratives Modell. Ein Blasinstrument zu spielen ist eigentlich gnadenlos – es verzeiht kaum Fehler. Doch im Kollektiv verschieben sich die Regeln.
Ihr sprecht oft von einer besonderen Philosophie innerhalb der Kapelle. Wie sieht die aus? Stefan: Wenn du mit vielen Leuten spielst, wird es fehler-toleranter. Es nimmt den Zwang, den eine normale Band hat. Wir sind breit gestreut und lassen Freiheiten zu. Petra: Genau, wir empowern uns so gesehen gegenseitig und decken unsere Fehler. Man kann bei uns relativ niederschwellig mitspielen. Wir sind eine freie Kapelle, kein Teil eines Verbandes, und machen im Prinzip, was wir wollen.
„Das ist gelebte Solidarität in Form einer Kapelle: integrativ, fehlertolerant anstatt kompetitiv.“
Der politische Raum: Das rhiz als Community-Anker
Die MAK ist durch Gründung und das jährliche 1. Mai Fest eng mit dem rhiz verknüpft. Peter betont, dass auch Projekte wie der Gameboy Music Club, für die das rhiz eine Plattform war, auch spielerisch der sozialen Praxis Raum gegeben hat, um solche Kollektive in einer sonst oft kompetitiven Szene einzuüben. Für die MAK ist der 1. Mai also kein bloßes Abspulen von Traditionen, sondern mehr eine selbstermächtigende „Stadt- und Straßenaneignung“ solidarischer Identität.
Wie seht ihr die Bedeutung des 1. Mai in der heutigen Zeit? Petra: Abgesehen von dem Tribut an wichtige Arbeitsrechtkämpfe, es ist wichtig, daran zu denken, dass auch das Recht auf Straße an sich erst erkämpft werden musste. Ich finde es schön, wenn die Stadt mal für Fußgänger frei ist und man sich den Raum nimmt. Stefan: Der Moment beim allerersten 1. Mai am Ring, als ich dachte: „Wahnsinn, wieso stehen da jetzt so viele Leute viel zu früh auf, um bei dieser blöden Idee mitzumachen?“ – das war extrem motivierend.
„Es gibt heute viel Community Washing, aber echtes Engagement braucht immer auch einen Zweck.“
Für alle, die es schon erlebt haben und nicht versäumen wollen – und für alle, die es bisher versäumt haben: Die besten, vielleicht manchmal falschen, aber umso lebendigeren Versionen des historischen Kampfliedes der Arbeiterbewegung „Die Internationale“, der antifaschistischen Partisanenhymne „Bella Ciao“ oder Hits wie „Rote Liebe“ von Ideal warten auf euch.
Am 1. Mai ab ca. 15:00 Uhr trifft man sich wie seit 19 Jahren wieder beim rhiz und feiert auch in diesen beschissenen Zeiten Aufbruch und Optimismus. Denn im „Underground“ feiert der 1. Mai mit der MusikarbeiterInnenkapelle schon seine eigene eigenwillige Tradition!

