
Ein Jahr lang haben sie „rumgewurschtelt“, gelesen, experimentiert und Förderanträge
geschrieben. Jetzt ist es so weit: Das queer-feministische Literatur- und Kunstmagazin „die
WUT“ erblickt das Licht der Wiener Nacht. Entstanden aus einer studentischen Lesereihe an der
Uni Wien, ist aus einer fixen Idee ein handfestes, politisches Statement geworden. Am
kommenden Abend verwandelt sich das Rhiz in einen Ort, an dem Literatur auf Bass trifft. Wir
haben mit den Gründerinnen Johanna und Hannah darüber gesprochen, warum Wut der
Treibstoff für Veränderung ist.
# Vom Safe Space zum Druckbogen
Alles begann im Arkadenhof der Universität Wien. Johanna und Hannah, beide Studentinnen der
Germanistik, suchten nach einem Weg, die flüchtigen Momente ihrer Leseabende festzuhalten.
Die Texte, die dort performt wurden, sollten nicht einfach verhallen, sondern greifbar werden.
Aus dieser Motivation heraus entstand ein klassisches DIY-Projekt: Ein Open Call über Social
Media brachte eine Lawine an Einreichungen ins Rollen – von Lyrik bis hin zu experimentellen
Collagen.
# Ihr seid als Germanistinnen gestartet, aber das Magazin ist mittlerweile viel mehr als nur Text.
Wie kam es zu dieser visuellen Explosion?
(Johanna) Das war ein organischer Prozess. Wir kommen zwar vom Text, aber wir dachten uns
schnell: Bilder wären auch cool. Dann kam eine Freundin mit wahnsinnig guten Collagen, dann
ein Kollektiv, das mit Filz arbeitet – die „Filzmäuse“ – und plötzlich war klar: Das wird eine
interdisziplinäre Plattform.
(Hannah) Wir wollten den Austausch innerhalb der Szene stärken und gegenseitige Sichtbarkeit
fördern. Es geht darum, jungen Künstler:innen den Raum zu geben, den sie in elitären
Institutionen oft nicht bekommen.
# Warum Kunst politisch sein muss
Das Magazin versteht sich explizit als unabhängig. Um keine Werbeflächen verkaufen zu müssen,
haben die Macherinnen über zehn Förderanträge gestellt. Diese Autonomie ist ihnen wichtig,
denn der Titel ist Programm: Wut als treibende, aktivierende Kraft.
# Der Titel „die WUT“ klingt konfrontativ. Warum habt ihr euch für diesen Begriff entschieden?
(Johanna) Wut bedeutet für uns vor allem Wahrnehmung. Erst wenn man:frau Ungerechtigkeiten
erkennt, kann eine Haltung gebildet werden. In Zeiten von globalem Rechtsdruck, Kriegen und
Rückschritten im Feminismus – Stichwort „Tradwives“ – ist Wut eine wichtige Reaktion.
„Wut beinhaltet, dass man etwas tut, dass man aktiv wird. Sie ist eigentlich das Gegenteil von
Angst, weil sie die Kraft gibt, sich etwas zuzutrauen.“
(Hannah): Wut bringt Leute zusammen. Es gibt die individuelle Wut auf die Eltern oder
Partner:innen, aber im Magazin richten wir den Fokus auf strukturelle Probleme. Wenn wir
kollektiv wütend sind, entsteht daraus eine mächtige Energie, die schon oft die Geschichte
verändert hat.
# Genderdebatten und der „Phettberg-Style“
(Hannah) Als Sprachwissenschaftlerinnen lassen uns natürlich auch die Debatten um inklusive
Sprache nicht kalt. Die Gruppe, aus der dieses Projekt entstanden ist, hat sich in einem
Genderseminar gefunden. In der WUT haben Debatten rund ums Gendern und
Auseinandersetzungen mit dem androzentristischen Weltbild einen großen Stellenwert.
# Ihr seid ein studentisches Projekt, aber wollt ihr nur eure eigene Generation ansprechen?
(Johanna) Überhaupt nicht. Zwar sind wir ein junges Projekt, aber die Themen, mit denen wir uns
auseinandersetzen, betreffen alle Altersgruppen.
(Hannah) Es geht um Empowerment. Wir wollen andere motivieren, selbst aktiv zu werden, Kunst
zu machen und sie vor allem herzuzeigen, statt sie in der Schublade zu lassen.

# die WUT und Musik
Für den Launch der ersten Ausgabe war ein ruhiges Kaffeehaus für die beiden keine Option. „Das
wäre nicht die WUT gewesen“, erklären sie lachend. Es muss laut sein, es muss eine Party sein.
# Warum findet der Launch ausgerechnet im Rhiz statt und was erwartet uns dort?
(Johanna) Das rhiz ist ein Anker für die Szene. Wir wollten eine Verbindung zwischen Print und
Musik schaffen, die wir im Heft ja nicht direkt abbilden können. Deshalb haben wir das DJKollektiv
„sugarslip“ dabei, die für die gleichen Werte stehen wie wir.
(Hannah) Es ist das Zusammenkommen von allem: Die Texte aus dem Heft werden lebendig, es
gibt Kunst zu sehen und es wird wird gefeiert. Es ist ein Moment der Sichtbarkeit für alle
FLINTA*-Personen und Künstler:innen, die an diesem ersten Jahr Arbeit beteiligt waren.
# Gibt es schon Pläne für die Zukunft? Ist nach der ersten Ausgabe Schluss?
(Johanna) Nein, wir planen das jetzt jährlich. Eine Ausgabe pro Jahr ist für uns als Team aus
Studentinnen machbar, dazu kommen vierteljährliche Lesungen. Und wer weiß, vielleicht sieht
man uns bald auch im Kontext anderer Projekte wie dem queer-feministischen Erotikmagazin
„LUDER“ an dem wir ebenfalls mitarbeiten.
Weil es nicht selbstverständlich ist, dass solche unabhängigen Räume und Projekte existieren.
Wir wollen gemeinsam laut sein und zeigen, dass DIY-Aktivismus in Wien lebendig ist!

