„Auch im Dunkeln gibt es ein Licht“ – Interview mit Demetra von The Devastation – Gürtel Nightwalk, 29. August 2026

 

„Auch im Dunkeln gibt es ein Licht“ – Demetra von The Devastation über ehrlichen Metal, Haltung ohne Kompromisse und die Macht des Undergrounds

Düster, tonnenschwer und kompromisslos ehrlich: Die Wiener Band The Devastation bringt den klassischen Heavy Metal zurück auf die Bühnen – und das mit einer Wucht, die man in der heimischen Szene lange vermisst hat. Vor ihrem Open-Air-Auftritt beim Gürtel Nightwalk vor dem rhiz haben wir uns mit Frontfrau Demetra getroffen. Ein Gespräch über den Mut zur dunklen Ästhetik, warum Doom Metal für sie die ultimative Form des Empowerments ist und die Energie von Grassroots-Clubs.

Es läuft rasant für The Devastation. Seit ihrem allerersten Konzert beim Musikwettbewerb Podium U20 letztes Jahr, den sie auch gleich gewonnen haben, geht es für die Band steil bergauf. In den Monaten seit ihrem letzten Auftritt im rhiz heuer im März ging es Schlag auf Schlag weiter – von Support-Gigs für die schwedischen Metal-Größen Avatar über Shows auf dem Area-53-Festival in Leoben bis hin zum Auftritt auf der 88.6-Bühne beim Donauinselfest. Nach diesen mächtigen Festivalbühnen spielen sie nun beim Gürtel Nightwalk zum zweiten Mal im Underground-Kontext des rhiz.

rhiz: Willkommen zurück! Es steht jetzt erst euer zweiter Auftritt im rhiz -Kontext bevor, aber schon spielen wir das Ganze eine Nummer größer – als Headliner bei unserem stärksten Event, dem Gürtel Nightwalk Open Air. Das rhiz versteht sich ja als „Grassroots mit Haltung“ – anspruchsvoll, undergroundig und mit dem gesunden, selbstbewussten Stolz, der die Wiener Indie-Szene seit jeher auszeichnet (wie man es erst kürzlich im Buch über das Label Problembär Records von Gerhard Stöger nachlesen konnte). Deswegen freuen wir uns mit euch über euren Erfolg und dass ihr trotzdem wieder zu uns kommt!

Demetra: Es läuft wirklich extrem gut, und ich kann es selbst kaum glauben, wie schnell alles geht. Musik ist mein Leben, und ich liebe Musik. Aber mir ist es total wichtig zu sagen, dass uns gerade die kleinen Konzerte so sehr geholfen haben, dorthin zu kommen, wo wir jetzt sind. Unser erstes Konzert im rhiz im März war genau so ein Moment: Da kamen plötzlich Leute, die ich überhaupt nicht kannte, die einfach am Gürtel unterwegs waren und hängenblieben. Und die Bühne im rhiz ist auch super angenehm zu spielen – da bin ich auch zum allerersten Mal direkt in die Crowd runtergegangen. Das war extrem cool!

rhiz: Das rhiz kultiviert ja diese Underground-Form bewusst – sehr niedrige Bühne, das Publikum direkt um einen herum, fast Center Stage. Wie ist der Kontrast zu hohen Festival-Stages mit Tretgittern davor?

Demetra: Ich finde es eben super, dass es Clubs wie das rhiz gibt, die Opportunities für kleine Bands geben. Ich finde es wirklich toll, weil alle irgendwo starten müssen. Grassroots-Clubs sind immer der perfekte Ort, um Konzerte zu machen. Selbst wenn ich mit The Devastation irgendwann wirklich groß werde, will ich immer noch in kleinen Clubs spielen, weil es mir einfach Spaß macht, alle Leute zu sehen. Man spürt diese Gemeinschaft und fühlt den Moment zusammen. Auf großen Stages bin ich zwar auch absolut zu Hause – ich liebe es, dort zu spielen. Aber man kriegt nicht dieses Gefühl, dass alle zusammen das Gleiche fühlen, weil manche Leute ganz hinten stehen und nicht viel sehen. Im Club kannst du mit den Leuten interagieren und einfach mit ihnen herumspielen.

Dunkelheit als Kraftquelle: „Auch im Dunkeln gibt es ein Licht“

Der Bandname entstand spontan im Kino, während des Abspanns von „Nosferatu“, getrieben von Demetras Liebe für düstere Ästhetik und das Okkulte. Doch hinter den schweren Riffs und düsteren Metaphern steckt kein deprimierender Abgrund, sondern eine leuchtende Kraftquelle.

rhiz: Ihr habt euch für einen sehr klassischen Metal-Stil entschieden. In eurer Altersgruppe ist das ja nicht unbedingt der naheliegendste Trend. Wie passt diese dunkle Ästhetik in unsere heutige Zeit?

Demetra: Heavy Metal ist meine absolute Leidenschaft. Ich finde es echt schade, dass wir in meinem Alter oft bei Deutschrap hängen bleiben, bei allem, was auf TikTok trendet, und nicht offen sind, neue Musik zu hören. Ich versuche da richtig Überzeugungsarbeit zu leisten. In der POPAK habe ich den Leuten einfach gesagt: „Ich spiele Heavy Metal, schaut’s euch an, vielleicht gefällt es euch!“ Einige kamen, obwohl sie die Musik anfangs nicht mochten – und heute hört eine Freundin von mir dank mir Mayhem. Es ist wunderschön zu sehen, dass Leute durch uns diese Musik neu entdecken.

Für mich ist Heavy Metal eine rebellische Musik und auch irgendwo, wo ich mich wirklich ausdrücken kann. Und die dunklen Sachen sind normalerweise auch die Sachen, die den Leuten irgendwie Angst bringen. Aber für mich ist Angst auch nicht ein schlechtes Ding, weil ich finde, aus Angst kann man lernen – und auch im Dunklen gibt es ein Licht.

rhiz: Rebelliert ihr mit eurer Musik auch gegen gesellschaftliche Missstände, oder ist das etwas rein Persönliches?

Demetra: Mir ist die Symbolik in unseren Songs extrem wichtig. Manchmal singe ich zum Beispiel über den Leviathan. Aber ich meine damit nicht den Leviathan aus der Bibel, sondern dass es Menschen gibt, die ihre Macht missbrauchen. Gleichzeitig will ich keine Person sein, die den Leuten die Dinge so direkt „in your face“ hinklatscht. Ich will nicht platt sagen: „Es gibt Machtmissbrauch in der Welt“, sondern ich will das verpacken, als ob ich eine Geschichte erzähle. Ich lasse die Leute über meine Texte nachdenken. Deshalb habe ich sie bis jetzt auch nicht veröffentlicht – es ist mir wichtig, dass die Leute nicht konkret vorgekaut bekommen, was ich sage, sondern sich ihre eigene Meinung bilden.

https://open.spotify.com/artist/0cTIPRBLl8dtIYP4ToxqPY?si=upEyW60RR32QxvG-ycbNiQ

https://youtube.com/@thedevastationoccultband?si=nSVDaXnA9eXSPx3D

Echtheit statt Bühnenfigur: „Musik muss ehrlich sein“

Die österreichische Popgeschichte ist voll von Rollenspielen und ironischer Distanz. Bei The Devastation gibt es diese künstliche Trennung nicht. Demetra verzichtet auf ein inszeniertes Popstar-Schauspielertum – Haltung und Person fallen bei ihr eins zu eins zusammen.

rhiz: Wenn man sich die österreichische Musiklandschaft so anschaut – von Falco bis heute –, gibt es oft dieses bewusste Schauspielertum. Man inszeniert eine Kunstfigur, hält sich damit das Publikum in ironischer Distanz. Bei dir wirkt das anders. Du nimmst zwar Versatzstücke von jahrzehntealter Musiktradition, machst sie dir aber komplett zu eigen und stehst mit einer enormen, ehrlichen Confidence da. Wie schaffst du diese Balance zwischen deiner privaten Persönlichkeit und dieser starken authentischen Bühnenpräsenz?

Demetra: Viele Leute, die ich kenne – meistens auch Leute aus der Schule –, sagen mir immer: „Wir kennen dich persönlich, du bist eine super liebe Person und so richtig nett und alles.“ Und dann gehst du auf die Stage und bist einfach super confident für das, was du machst. Man sieht, dass ich auf der Bühne viel mehr Kraft habe, als im Alltag. Aber mir ist wichtig:

Musik muss ehrlich sein. Ich finde, man soll sich nicht verstecken hinter einer Persönlichkeit, die man nicht hat.

 

Keine Maskerade, sondern pure Energie: Frontfrau Demetra lebt den Metal auf der Bühne (Fokus auf Demetra, sehr kraftvoll, charismatisch und extrovertiert im Scheinwerferlicht).

rhiz: Diese ungezähmte Ehrlichkeit auf der Bühne ist im Studio dann oft bedroht. Das Schlimmste, was einer Band passieren kann, ist ein wohlmeinender Produzent oder eine Produzentin, die die eigene Artist-Persona und den Musikstil für den Markt glattbügelt. Wie schützt ihr eure Identität?

Demetra: Das ist mir extrem wichtig. Unser Sound muss so bleiben, wie wir ihn mögen. Bis jetzt haben wir nur Demos veröffentlicht, und wir sind überglücklich, dass sich so viele Leute darüber freuen. Aber wir lassen uns bewusst Zeit mit dem ersten Album. Wir wollen erst einen wirklich guten Produzenten finden. Ich habe schon eine Idee für ein kleines Konzeptalbum, aber ich gehe manchmal auch zurück und denke mir: „Dieses Lied, das ich vor zwei Jahren geschrieben habe, will ich gar nicht mehr spielen“. Ich will nicht schlafen gehen und mich fragen müssen, warum ich etwas zu früh herausgebracht habe oder warum ein Text noch nicht zu 100 Prozent fertig war. Wir machen das wie Black Sabbath damals: Wir lassen uns Zeit. Wir spielen die Songs live, schauen, wie sie ankommen, verbessern die Texte und nehmen sie erst auf, wenn sie reif sind.

rhiz: Man hört diese ehrliche Hingabe und das Handwerk auch sofort. Woher nehmt ihr diese unbändige Energie?

Demetra: Wir üben alle einfach unglaublich viel, und man hört, glaube ich, dass es seit unserem Start immer besser geworden ist. Und wir haben fantastische Unterstützung. Ich muss mich wirklich bei allen bedanken – bei der POPAK, beim rhiz, bei unserem Tontechniker Lukas Lichtenfels, der uns immer einen super Sound macht, bei Moritz Wagner von TON Music und bei Oli Seebacher vom Area-53-Festival, der uns beim Booking hilft. Und natürlich bei meinen Eltern. Meine Mutter hilft mir extrem viel, und mein Vater war früher DJ in New York. Er hat eine riesige Plattensammlung zu Hause, quer durch alle Genres. Als ich dort den Song Painkiller von Judas Priest gefunden habe, wusste ich sofort: „Das ist meine Sache, das will ich machen!“ Auf der Bühne bin ich sehr extrovertiert und habe einfach nur Spaß.

 

Community statt Kategorien

Demetras Blick auf Gender-Etiketten und Generationenklischees bricht mit den typischen Labels in der Musikszene. Für sie zählen keine Marketing-Schubladen, sondern rohe Gemeinschaft und ehrliches Gefühl.

rhiz: Als junge Frau in der Metal-Szene wirst du bestimmt oft mit Gender- und Alters-Klischees konfrontiert. Wie gehst du mit dem Druck dieser permanenten Kategorisierung um?

Demetra: Für mich hat Metal nichts damit zu tun, ob man ein Mann ist oder eine Frau oder irgendwas ist. Es hat mehr mit einem Feeling zu tun. Es gibt für mich kein feministisches Metal oder männliches Metal – für mich gibt es nur Metal.

In der Szene selbst hatte ich wegen meines Geschlechts auch noch nie Probleme. Meistens gab es eher Vorurteile wegen meines jungen Alters. Es ist mir schon passiert, dass Leute vor der Bühne zu mir gesagt haben: „Was machst du eigentlich hier? Singst du wirklich? Seid ihr eine Schülerband?“ Ich finde das ziemlich unprofessionell von den Leuten, die das fragen. Metal ist eine Community, in der es nicht darauf ankommt, wer man ist. Es ist wichtig, dass man raw ist.

 

Brechen Klischees mit handwerklicher Reife: The Devastation live und ungeschminkt (Felix Habermann, Theo Knittel, Liara Pühringer, Demetra Cartsos scharf abgebildet).

rhiz: Ihr werdet in Medienberichten reflexartig auch immer als „junge Band“ gelabelt. Wie sehr magst du das oder nervt dich dieser Stempel?

Demetra: Ja, das mag ich überhaupt nicht. Ich mag es nicht, wenn mich Leute als „junge Musikerin“ bezeichnen. Es macht mir keinen Unterschied, ob ich 15 bin oder ob ich 40 bin. Ich sage ja auch nicht „die alte Band“.

Metal hat kein Geschlecht und Metal hat kein Alter. Warum sollte man eine Band als jung bezeichnen, nur damit man mehr Wow-Effekt kriegt? Man kann uns live sehen, man weiß, dass wir jung sind, das muss nicht extra überall draufstehen.

rhiz: Beim Gürtel Nightwalk brechen diese Barrieren auf. Da mischen sich Generationen mehr durch als sonst üblich. Fühlt ihr euch in dieser Durchmischung zu Hause?

Demetra: Absolut! Ich finde es wirklich schön, auch viele Freunde und Freundinnen zu haben, die viel älter sind als ich, weil ich mich mit ihnen austauschen kann. Sie haben enorm viel Erfahrung in der Metal-Szene. Bei uns gibt es kein „Ok Boomer“-Denken – das macht mir überhaupt nichts aus. Unsere Fans sind meistens älter, weil die einfach mehr Metal hören. Aber seit unserer Teilnahme am Planet Festival kommen auch viele junge Leute aus den Schulen zu unseren Konzerten. Das liegt mir wirklich am Herzen. Ich habe jungen Leuten gezeigt, dass man auch in unserem Alter Metal-Musik machen kann. Viele in der Musikschule sagen mir: „Ich glaube, ich kann mit der Musik nie was schaffen.“ Man weiß es nicht, bis man es ausprobiert hat! Ich hätte auch nie gedacht, dass ich innerhalb eines Jahres mit The Devastation beim Donauinselfest spiele. Es passiert einfach.

rhiz: Merkst du mittlerweile, dass andere Jugendliche, die sich vielleicht nicht trauen, aus der Reihe zu tanzen dich als Role Model sehen?

Demetra: Es würde mich sehr freuen, ein Role Model für andere zu sein. Nach Auftritten mit meiner alten Schulband kamen manchmal Erstklässler zu mir und sagten, dass sie eines Tages so sein wollen wie ich. Das berührt mich wirklich sehr. Auch bei unserer Signing-Session beim Area-53-Festival kam ein etwa zehnjähriges Mädchen zu mir und meinte: „Du bist so cool, aber ich habe nicht die Confidence, das zu machen, was du tust.“ Ich habe ihr gesagt:

Hey, probier es aus! Fürchte dich nicht vor der Bühne. Die Bühne ist ein Ort, wo man sich wirklich ausdrücken kann, und das sagen kann, was man vielleicht privat nicht sagen kann, sondern das, was man den Leuten auch wirklich beweisen will.

Empowerment an den Decks: Die Afterparty

Wenn die Live-Gitarren draußen vorschriftsmäßig verstummen müssen, geht der Abend im Club erst richtig los. Nach ihrem Open-Air-Set feiert Demetra mit ihrem Vater an den Decks des rhiz eine ganz besondere Premiere.

rhiz: Nach eurem Live-Set steht eine echte Premiere an: Ihr reißt die Afterparty an. Was erwartet uns da?

Demetra: Mein Vater war DJ in New York und hat mir meinen ersten Musikgeschmack mitgegeben. Er ist zwar kein klassischer Metalhead, aber er hört viel mehr Metal, seitdem ich in der Szene bin. Ich liebe es, Playlists zu machen und Leuten Underground-Bands vorzustellen, die sie noch nicht kennen. Mein Vater und ich bereiten ein richtig cooles Set vor. Es wird ein Heavy-Metal- und Rock-Afterparty-Ding mit einem tollen „Rock-Metal-Solidarity-Feeling“. Das wird super und vielleicht für einige Leute sogar der Einstieg in den Heavy Metal.

rhiz: Doom Metal gilt ja oft als schwer verdaulich oder deprimierend. Aber bei dir klingt das alles wie pure Lebensbejahung.

Demetra: Ja, Doom Metal ist für mich überhaupt nicht depressiv, sondern extrem powerful! Die Band Candlemass nennt ihre Musik zum Beispiel „Epic Doom“. Und so empfinden wir das auch: Es ist episch, es ist langsam, es ist stark und man kann super mitfühlen und mitschreien. Es ist einfach mal was anderes und das genaue Gegenteil von langweiligem Mainstream.

rhiz: Ein perfektes Schlusswort. Was gibst du den Leuten da draußen mit auf den Weg?

Demetra: Das Wichtigste ist, dass man niemals aufgibt. Ich hatte selbst viele Momente, in denen ich mich gefragt habe: „Was ist, wenn ich es nicht weiter schaffe?“ Aber man muss an sich glauben. Was immer passiert, passiert – man kann nicht alles kontrollieren, also sollte man sich keinen Kopf machen. Wenn etwas einmal nicht klappt, funktioniert es eben ein anderes Mal. Auf dem Weg als Musiker wird es viele Fehler geben, aber man lernt daraus. Am Ende wächst man an diesen Erfahrungen und wird ein besserer Musiker. Glaubt an euch selbst!

 

Gig- & Support-Infos:

Be there, be raw, be loud!