
Text: Michael Zangerl
Foto: Michael Zangerl – CC by 4.0
Die deutsche Band Mutter rockt sich seit 1986 durch die Musikgeschichte, laut, leidenschaftlich und im Geiste der 80er. Nachdem sie am 16.12.2024 das rhiz erschütterten, durfte ich mit Sänger Max Müller sprechen. Ein Bericht



Vorweihnachtszeit. Das rhiz ist ausverkauft. Unter dem gewölbten Durchgang stellen sich Fans auf die Zehenspitzen, um einen Blick auf die Bühne zu erhaschen. Als Max Müller sich nach vorne drückt, wirkt der Bandleader zerbrechlich. Die Haare des schlacksigen Sängers hängen ihm ins Gesicht. Im Laufe der Show wird er kaum mit dem Publikum interagieren. Stattdessen singt er sich in Rage. Er tanzt, schmiegt sich an den Mikroständer, windet sich am Boden. Die ganze Band gibt Feuer. Mutter ist wie besessen – besessen von Musik. Nachdem der letzte Takt verhallt ist, stehen wir in der Kälte. Max Müller erzählt mir verschwitzt: „Wir machen das nie anders. Wir können auch vor 20 Leuten so spielen oder vor 10. Auch im Proberaum spielen wir so. Wir sind begeistert von unserer eigenen Musik – sonst würde keiner aus der Band das machen. Wir spielen aus Spaß aus der Musik und nicht um reich und berühmt zu werden.“
Live kehren Mutter in gewisser Hinsicht zu ihren Anfängen zurück, dem Berlin der 1980er. Im Mix der Studioalben der letzten Jahre standen gewitzte Texten und geschickt eingesetzten Melodien im Vordergrund. Im Rhiz beschwören sie den kakophonischen Noise ihrer frühen Alben. Der Sound ist abrasiv, die Regler bis zum Anschlag aufgedreht. Müllers Gesang agiert wie ein Instrument unter vielen. Es ist unmöglich, Texte zu verstehen. Im Gespräch erteilt er allen Versuchen, Mutter als Diskursrock zu qualifizieren, eine Absage. „Wir wollten eine Musik machen, die in gewisser Hinsicht banal ist. Die Rock ist, ganz primitiv. Wir versuchen nicht, irgendwas zu sein, was wir nicht sein können. Keiner von uns hat sein Instrument gelernt. Keiner.“
Der Sänger führt aus, wie wichtig ihm dieser DIY-Ethos sei. Ohne ihn wäre er vielleicht nie auf einer Bühne gestanden: „Ich bin aufgewachsen mit Punk-Rock und dachte mir: ‚Ach, geil! Die können alle gar nicht spielen.‘ Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass sie natürlich spielen konnten. Aber dieser Gedanke war der Grund, warum ich Musik gemacht habe. Und das war nicht verkehrt.“ Als zentrale Erfahrung nennt er das Festival, „Geniale Dilletanten“. 1981 versammelten sich unter diesem – falschgeschrieben – Titel Künstler*innen in Berlin, die für die deutsche Subkultur wegweisend sein sollten, darunter die Einstürzenden Neubauten, Christiane F. („Wir Kinder vom Bahnhofszoo“) und D. A. F – Deutsch-Amerikanische Freundschaft. Müller war mit seiner Band Sentimentale Jugend dabei. Die Erfahrung hat ihn geprägt: „Jeder kann auf die Bühne gehen. Du kannst etwas damit machen. Du kannst daraus etwas entwickeln. Das finde ich noch immer mega gut.“
Müller warnt deshalb vor überbordendem Professionalismus. Manchmal werde Mutter gefragt: „Wie habt ihr das denn aufgenommen?“ Müllers Antwort: „Das war überhaupt nicht überlegt. Mit einem Scheiß-Mikrophon halt. Technik? Langweilig!“ Musik lebt vom Underground. Davon, dass Menschen sich an Dingen ausprobieren, für die brennen. In diesem Sinne sind Mutter ein Vorbild, egal ob im Studio oder auf der Bühne des rhiz. Max Müller möchte seinen Fans etwas mitgeben: „Mach doch einfach! Nicht nachdenken, einfach machen!“
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